Man könnte meinen, die Gleichberechtigung in Deutschland sei nahezu erreicht. Befürworter dieser These würden anmerken, Frauen stünden doch alle Türen offen:

Wir haben seit vielen Jahren eine Bundeskanzlerin, schon Ende der 1980er Jahre stellte die Lufthansa die ersten Pilotinnen ein, im vergangenen Jahr spielte mit Fallon Sherrock erstmals eine Frau bei dem einstigen Männerevent Darts-WM mit und Prof. Dr. Marylin Addo, Leiterin der Sektion Infektiologie und Tropenmedizin am Hamburger UKE, gehört derzeit zu den gefragtesten ExpertInnen, wenn es um die Entwicklung eines Impfstoffs gegen SARS-CoV-2 geht.

 

Bei „Zeit Online“ hieß es schon vor drei Jahren: „Frauen erobern die Kunstwelt“.
Soll heißen: In der Politik, im Sport, in der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Kultur gäbe es doch zahlreiche Beispiele von Frauen, die es an die Spitze geschafft haben.

Das ist richtig. Doch dürfen wir einen Fehler dabei nicht machen: Wir dürfen nicht darauf schließen, dass wir der Gleichberechtigung in ihrer Gesamtheit und Komplexität deshalb bedeutend nähergekommen sind. Denn all diese Frauen mussten sich auf ihrem Weg „ganz nach oben“ gegen viele Widerstände durchsetzen, die Männern in vergleichbaren Positionen erspart geblieben sind.

Das Problem mit den Pionierinnen
Seit Beginn des Jahres porträtiert „Zeit Online“ genau solche Frauen. In der Serie „Die Erste“ werden „Pionierinnen“ vorgestellt, die in der Geschichte oder der Gegenwart Positionen einnahmen, die üblicherweise von Männern besetzt werden. Die Überschrift der Serie: „Das Zeitalter der Pionierinnen“. Alleine das Wort „Pionierinnen“ deutet bereits auf die Missstände hin.
Denn es sind nicht deren Leistungen und Errungenschaften, die sie zu Pionierinnen machen. Es ist die Tatsache, dass sie diese Leistungen und Errungenschaften als Frauen vollbracht haben.

Es scheint also nicht „normal“ zu sein, wenn Frauen das Gleiche erreichen wie Männer. Und das, obwohl sie seit einem Meilenstein im Jahr 1919 gleichberechtigt sind – zumindest auf dem Papier.
In der Weimarer Reichsverfassung hieß es damals: „Alle Deutschen sind vor dem Gesetz gleich. Männer und Frauen haben grundsätzlich die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten.“

Dennoch wird uns auch heute noch – mehr als 100 Jahre später – verdeutlicht, dass von einer flächendeckenden Gleichstellung nicht die Rede sein kann. In der Wissenschaft und in der Forschung, in der Bildung, den Medien und in der Kultur zeigt sich eines deutlich: Die strukturelle Benachteiligung von Frauen ist fest verankert – in den Köpfen, in den Institutionen und im gesamten Gesellschaftssystem.

Eine vollständige Version dieses Artikels sowie ein Interview mit Univ.-Prof. Dr. Heidi Helmhold, Professorin für Ästhetische Theorie und Praxis mit Schwerpunkt Raum und Materielle Kultur an der Universität zu Köln, finden Sie in der aktuellen Ausgabe unseres Mitglieder-Magazins „Soroptimist Intern“ Nr. 180, Juli 2020.

 "Soroptimist Intern - Nr. 180, Juli 2020"




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