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Die Entwicklung der Weltbevölkerung – Hysterie ist der falsche Ratgeber

2,6 Menschen pro Sekunde, 157 pro Minute, knapp 10.000 in der Stunde, rund 230.000 pro Tag und 80 Millionen im Jahr – die Zahlen zum Anstieg der Weltbevölkerung überschreiten beinahe die Vorstellungskraft. Am 11. Juli ist Weltbevölkerungstag – kein Tag, um zu feiern, sondern einer, um auf die Gefahren des Wachstums aufmerksam zu machen. Denn die Prognosen sind teilweise düster. Hysterie ist dennoch der falsche Ratgeber. Ein Blick in die jüngere Geschichte der Menschheit verdeutlicht die Geschwindigkeit des heutigen Wachstums nochmals: Der Anstieg der Bevölkerung von zwei Milliarden auf drei dauerte 33 Jahre. Das war zwischen 1927 und 1960. Das Wachstum von sechs auf sieben Milliarden – zwischen 1999 und 2011 – vollzog sich hingegen innerhalb von lediglich zwölf Jahren. Heute stehen wir bei einer Weltbevölkerung von 7,7 Milliarden Menschen.

 

Es scheitert am Wissen über das Verhüten

Die Gründe für das scheinbar unbegrenzte Wachstum der Weltbevölkerung sind viel fältig und komplex. Ein entscheidender ist die Vielzahl an ungewollten Geburten. In großen Teilen der afrikanischen und asiatischen Welt können Frauen nicht verhüten, obwohl sie das gerne möchten. Jedes Jahr kommt es dadurch allein in Entwicklungsländern zu 74 Millionen ungewollten Schwangerschaften. Nochmals zum Vergleich: Jährlich wächst die Bevölkerung um 80 Millionen Menschen. Millionen von Frauen fehlte und fehlt nach wie vor entweder der Zugang zu Aufklärung und Verhütung und sie werden unterdrückt. Jedes fünfte Mädchen in Entwicklungsländern ist mit 18 Jahren oder jünger bereits Mutter, täglich bekommen 20.000 Mädchen unter 18 Jahren ein Kind. 43 Prozent aller Schwangerschaften in Entwicklungsländern sind ungewollt.

Laut der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung könnten jährlich 52 Millionen ungewollte Schwangerschaften und 21 Millionen ungewollte Geburten verhindert werden – wenn alle Frauen verhüten könnten. Führt man sich diese Zahlen vor Augen, erscheint die Problematik des Wachstums beinahe absurd. In einer hochentwickelten Welt scheitert die Lösung eines grundlegenden Problems schlicht und ergreifend unter anderem am fehlenden Wissen über Verhütung.

 

Marode Alterssicherungssysteme und eine hohe Kindersterblichkeitsrate

Ein anderer Grund für den starken Anstieg der Weltpopulation ist der ausdrückliche Wunsch nach vielen Kindern, den viele Frauen in Entwicklungsländern haben. Sie haben diesen Wunsch aber nicht etwa, weil sie sich von Herzen eine große Familie wünschen, sondern weil sie Angst vor der Zukunft haben. Die Alterssicherungssysteme in vielen Ländern sind nicht oder nur unzureichend vorhanden. Viele Kinder, so der wohl nachvollziehbare Gedanke, würden die Familie besser versorgen können als nur eines. Hinzu kommt die mangelnde gesundheitliche Versorgung. UNICEF veröffentlichte im vergangenen Jahr erschreckende Zahlen: 2017 starben 6,3 Millionen Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren aus meist vermeidbaren Gründen – das ist durchschnittlich ein Todesfall alle fünf Sekunden. Das Dilemma der Familien: Bei vielen Kindern, die das Erwachsenenalter nicht erreichen, müssen noch mehr Kinder auf die Welt kommen, um später ausreichend Chancen auf die Alterssicherung zu haben.

 

Anstieg ja, ungebremst nein

Die Zahlen scheinen besorgniserregend – die Frage nach den Folgen stellt sich automatisch. Was bedeutet das Wachstum für unsere Zukunft? Steigen die Migrationsbewegungen weiter an? Entstehen noch mehr Mega-Cities mit überfüllten Slums? Breiten sich Krankheiten und Kämpfe um Energie, Wasser und Nahrungsmittel aus? Wächst der Anteil der armen Bevölkerung weiter an?

Ein Blick in die Historie und eine globale Perspektive lassen den Schluss zu, dass die Zukunftsprognosen nicht derart düster zu zeichnen sind, wie angesichts der Zahlen zu vermuten wäre. In der Geschichte der Menschheit gab es vier Phasen des sogenannten demographischen Übergangs, der in vielen Ländern bereits abgeschlossen ist, andere stecken noch mittendrin.

Im 18. Jahrhundert führte der Mangel an Essen, Hygiene und medizinischer Versorgung zu einer hohen Sterberate auf der ganzen Welt. Trotz einer Geburtenrate von vier bis sechs Kindern pro Frau blieb ein Bevölkerungswachstum aus. Denn durchschnittlich überlebten nur zwei Kinder. Mit der Industriellen Revolution begann die zweite Phase: Die verbesserten Bedingungen führten zu einer Senkung der Sterberate, die Folge war eine regelrechte Bevölkerungsexplosion. Auch die Emanzipation der Frau und ihre verbesserte wirtschaftliche Lage spielten damals eine wesentliche Rolle. Später, im 19. Jahrhundert, wurde die dritte Phase eingeläutet. Die stark verbesserte medizinische Versorgung führte zu einer abnehmenden Sterberate. Folglich sank auch die Geburtenrate, die Bevölkerungsentwicklung stabilisierte sich und das Wachstum nahm ab. Die vierte Phase des demographischen Übergangs zeichnet sich durch einen Rückgang der Bevölkerung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus.

Anhand von Deutschland lässt sich diese Entwicklung veranschaulichen. Im Jahr 1880 bekam jede Frau noch 4,7 Kinder, 1930 waren es bereits weniger als zwei Kinder. In vielen anderen Ländern vollzog sich eine ähnliche Entwicklung. Beispiel Bangladesch: 1970 bekam eine Frau dort durchschnittlich sieben Kinder (Sterberate 25 Prozent), im Jahr 2015 sank die Sterberate auf unter vier Prozent, jede Frau bekam lediglich 2,2 Kinder. Der weltweite Durchschnitt betrug 1960 fünf Kinder, heute sind es 2,5. Nahezu alle Länder haben die beschriebene vierte Phase also mittlerweile erreicht. Von einer ungebremsten Entwicklung kann deshalb nicht die Rede sein.

Die beschriebene Entwicklung ist längst keine Ausnahme, sondern die Regel. In entwickelten Ländern wie Deutschland sind diese Mechanismen lediglich früher eingetreten und gehen langsamer vonstatten. In „fortschrittlichen“ Ländern hat es 80 Jahre gedauert, um von sechs Kindern pro Frau auf drei zu kommen. Bangladesch hat dafür nur 34 Jahre gebraucht, der Iran gar nur zehn Jahre. Klar ist auch, dass diese Länder nicht bei Null begonnen haben, sondern in gewisser Weise auf die Erfahrungen aus anderen Teilen der Welt zurückgreifen konnten.

 

Die Lösung scheint simpel

Besorgniserregende Tendenzen also auf der einen Seite, das Bemühen um eine rationale Herangehensweise an das Thema Bevölkerungsentwicklung auf der anderen Seite. Die Gründe für das (zu) rasante Wachstum sind vielfältig, die Bekämpfung der Ursachen wiederum scheint relativ simpel: Bildung und Aufklärung führen nicht nur zu Wissen über Verhütung oder Hygiene, sondern langfristig auch und vor allem zu mehr Wohlstand und Selbstbestimmung der einzelnen Länder und deren Bewohnerinnen und Bewohner. Die Stellung und das Ansehen der Frauen sind in dieser Hinsicht von größter Bedeutung. Denn im Zentrum der Debatte muss neben der Verlangsamung des Wachstums vor allem die Selbstbestimmung der Frau und der Menschen stehen. Die freiwillige Familienplanung, die eigenständige Entscheidung darüber, wann eine Frau wie viele Kinder bekommen möchte und ein selbstbestimmtes Leben sind grundlegende Menschenrechte.

 

Positive Prognosen

Die Kernaussage, die sich aus der historischen Betrachtung ergibt, muss folgende sein: Helfen wir gemeinsam denjenigen, die – möglicherweise am anderen Ende der Welt – unsere Unterstützung brauchen, geht es allen Menschen besser. Bereits heute sind durchaus positive Entwicklungen zu erkennen: Der Anteil der Menschen in Armut war noch nie so gering wie heute, laut den Vereinten Nationen wird – entgegen vieler Prognosen – der zwölfmilliardste Mensch nie auf die Welt kommen. Auch der Anteil der Menschen mit einem hohen Bildungsgrad wird sich bis 2100 verzehnfachen. Die vielen Länder, die bisher hinterherhinkten, werden zukünftig dabei helfen, die Entwicklung voranzutreiben. Es gibt also gute Gründe, die Hysterie und die Angst bezüglich unser aller Zukunft durch sinnvolle und rationale Überlegungen zu ersetzen. Denn längst ist es nicht zu spät, dieses „Problem“ in den Griff zu kriegen. Es bedarf allerdings der Motivation, des Willens und des Einsatzes aller Menschen.

JW

 


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