Die Entwicklung der Frauenrechte im 20. Jahrhundert

Es geht um Anerkennung im Beruf, um gleiche Chancen in der Politik, in der Wissenschaft oder in technischen Berufen, es geht um eine faire Bezahlung, um den Kampf gegen Gewalt an Frauen und Mädchen oder gegen Alltagssexismus – der Einsatz für die Gleichberechtigung im Jahr 2020 ist vielfältig. Die Themen unserer Zeit haben ihren Ursprung in der Geschichte der vergangenen 100 Jahre. Viele Pionierinnen haben mit Einsatz, Fleiß und Durchhaltevermögen erst die Basis für den heutigen Kampf um die Gleichberechtigung geschaffen. Denn beim Blick 100 Jahre zurück wird deutlich, dass die Frauen der damaligen Zeit noch mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert waren.
Eine Rückschau:

Aufschwung in der Nachkriegszeit

Wir befinden uns in den „Goldenen Zwanzigern“, die Wirtschaft erlebt nach dem Ersten Weltkrieg auch in Deutschland allmählich wieder einen Aufschwung – und genauso die moderne und amüsierfreudige Frau, die sich emanzipiert und gerne mit kurzer Bobfrisur, Glitzerkleid und Zigarettenspitze zeigt – so zumindest ein oft gezeichnetes Bild. Tatsächlich diente der Krieg gewissermaßen als Katalysator der Frauenemanzipation. Die Männer, die an der Front waren, mussten in der Wirtschaft ersetzt werden, um etwa die Produktion am Laufen zu halten. Frauen übernahmen also auch finanzielle Verantwortung. Das Frauenwahlrecht sorgte zudem für die politische Teilhabe, die gesellschaftliche folgte: Der „neue Typ Frau“ ist nicht zwingend verheiratet, vergnügt sich auf Tanzpartys oder im Kino. Es entwickelt sich ein neues Selbstbewusstsein des weiblichen Geschlechts. Ein ähnliches Bild zeigt sich im Übrigen in den USA: „Flapper“, wie moderne Frauen dort genannt wurden, waren im Auftreten und der Optik bewusst rebellisch. Die damals neuen Medien Kino und Radio verstärkten diese Entwicklung.

Der Beginn der Unabhängigkeit?

Es scheint, als konnte jede Frau an dieser Emanzipation teilhaben: Das neue Frauenbild hing weniger am sozialen Status als vielmehr an äußeren Merkmalen – die Frisur, die Kleidung und der „Lifestyle“ standen charakteristisch für die emanzipierte Frau. Doch war es wirklich für alle Frauen die Unabhängigkeit und die Freiheit, die die „Goldenen Zwanziger“ und das gezeichnete Bild implizierten?

Flugzeug- und Automobilfirmen, die Textilfabriken, das Bankenwesen und viele weitere Branchen boomten. Die Berufe als Buchhalterinnen und Sekretärinnen wurden gebraucht – und Frauen für diese Positionen händeringend gesucht. Andere wiederum rückten dort nach, wo einst Männer arbeiteten, die im Krieg gefallen waren. Zu den Zwanziger Jahren gehört aber auch, dass Frauen weniger aus emanzipatorischen Gründen, sondern vielmehr aus finanziellen Zwang arbeiten gingen. Hinzu kommt, dass rund 70 Prozent aller Frauen während der Weimarer Republik in den beiden untersten Gehaltsklassen angestellt waren. Es entstand also eine Kluft zwischen dem Wunsch nach Selbstständigkeit und Freiheit – und der Realität. 

Wie stand es vor 100 Jahren um die Rechte von Frauen?

Wie war es also wirklich, das Leben als Frau vor 100 Jahren? Um die „Goldenen Zwanziger“ in ihren vollen Zügen mitzuerleben, um den erwähnten „Lifestyle“ zu führen, brauchte es eben doch mehr also eine neue Frisur und das entsprechende Outfit. Es entwickelte sich eine kleine Gruppe an reichen Frauen, die sich das Nachtleben und die Kultur leisten konnten. Für die Mehrheit blieb es eine Illusion, die kaum zu erreichen war. Mit dem Ende des Wirtschaftsaufschwungs Ende der Zwanziger wurden auch die Jobs wieder rar, der kurze (vermeintliche) Aufwind war also dahin.

Gleichzeitig ist diese Zeit zweifelsohne mit einem der größten Meilensteine in der Historie der Demokratie verbunden: Viele mutige Frauen erkämpften sich das Wahlrecht – in Deutschland gingen sie erstmals am 19. Januar 1919 an die Urnen, in den USA 654 Tage später, am 2. November 1920. Gerade in den Vereinigten Staaten gingen dieser Errungenschaft jahrzehntelange Demonstrationen und Proteste voraus. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts begannen US-Bürger und vor allem US-Bürgerinnen Demos zu organisieren, Artikel zu schreiben, Lobbyarbeit zu betreiben, die Öffentlichkeit auf ihren Wunsch nach Teilhabe aufmerksam zu machen und teilweise zivilen Ungehorsam zu praktizieren. Allerdings – und auch das gehört zur Geschichte – galt das 1920 errungene Wahlrecht nur für weiße Frauen. Erst seit 1965 darf die afroamerikanische Bevölkerung in den USA uneingeschränkt wählen.

Der Grundstein für die organisierten Frauenbewegungen wurde 1848 mit der Seneca Falls Convention – der ersten Zusammenkunft amerikanischer Frauen, die die Frauenrechte zu ihrem alleinigen Thema machten – gelegt. Die dort entstandene Declaration of Sentiments begann mit folgenden Sätzen:

The history of mankind is a history of repeated injuries and usurpations on the part of man toward woman, having in direct object the establishment of an absolute tyranny over her.

Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte wiederholter Ungerechtigkeiten und Übergriffe von Seiten des Mannes gegenüber der Frau mit der klaren Absicht, eine absolute Tyrannei über sie zu errichten.

Heute „normal“, damals Meilensteine

Auch hierzulande war der Beginn des 20. Jahrhunderts eine dynamische Zeit in Sachen Frauenrechte. Neben der wohl größten Errungenschaft – dem Wahlrecht – wurden mehr und mehr Bereiche des gesellschaftlichen Lebens auch Frauen ermöglicht. 1900 etwa nahmen die ersten beiden deutschen Universitäten Studentinnen auf. Auch wenn der Frauenanteil in den darauffolgenden Jahren stetig anstieg, lag er 1931 bei immer noch weniger als 19 Prozent. Bis ins Jahr 1908 war es Frauen außerdem verboten, Politik zu machen. Erst danach durften sie Mitglieder in Vereinen oder Parteien werden. Zuvor war es ihnen sogar verboten, Versammlungen oder Sitzungen zu besuchen. Auch der Polizeidienst war lange Zeit nur Männern vorbehalten. 1923 gab es in Deutschland die ersten Polizistinnen. Bei der Kölner Dienststelle bildeten neun Frauen die sogenannte „Frauenwohlfahrtspolizei“, die lediglich für gefährdete Prostituierte und Jugendliche zuständig war. Nur zwei Jahre später wurde dieses Projekt „aus Kostengründen“ wieder eingestellt. Wie umstritten Polizistinnen bis in die 50er Jahre waren, zeigt ein Ausschnitt aus der Zeitschrift „Die hessische Polizei“ aus dem Jahr 1954:

„Dienstkleidung wird in erster Linie eine Angelegenheit des Mannes bleiben. Er kann hier aber auf verschiedenen Gebieten durch die Tätigkeit von Kolleginnen in wertvoller Weise unterstützt werden. Diese Tätigkeit muß jedoch der weiblichen Eigenart entsprechen und die Gewähr bieten, daß sie einen gleichen, wenn nicht sogar einen besseren Erfolg als bei gleicher Berufsausübung durch den Mann erreicht. Ein Versuch, in der Frau eine Kopie des männlichen Polizisten zu schaffen, muß aber unterbleiben, denn das Ergebnis wäre ein Zerrbild nach östlicher Prägung […].“

Auch wenn Artikel 3 des Grundgesetzes seit 1949 besagt, dass „Männer und Frauen gleichberechtigt“ sind, ergaben sich viele Frauenrechte erst wesentlich später. So ist es ihnen beispielsweise erst seit 1958 erlaubt, ein eigenes Konto zu eröffnen und damit über ihr eigenes Geld zu entscheiden. Auch der Schutz von Schwangeren ist erst gegeben, seit 1952 das „Gesetz zum Schutz der erwerbstätigen Mutter“ in Kraft getreten ist. Seitdem durften Frauen sechs Wochen vor und nach der Geburt bei vollem Gehalt zu Hause bleiben und waren von schwerer körperliche Arbeit sowie Nacht- und Akkordarbeit befreit. Bis vier Monate nach der Geburt durfte den Arbeitnehmerinnen nicht gekündigt werden. Die freie Entscheidung von Frauen, einen Beruf auszuüben, wurde erst mit dem Gleichberechtigungsgesetz von 1958 gewährleistet. Zuvor durfte der Mann entscheiden, ob seine Ehepartnerin arbeiten gehen darf. Sogar bis 1977 durften Frauen nur arbeiten, wenn das „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar“ war – die Aufgaben im Haushalt waren gesetzlich also klar der Frau zugeordnet. Vor Inkrafttreten dieses Gesetzes brauchte die Frau zudem die Erlaubnis, den Führerschein zu machen.  

Die Basis der Gleichberechtigung weiter ausbauen

All diese Beispiele zeigen, welche Entwicklung unsere Gesellschaft im vergangenen Jahrhundert genommen hat. Wir dürfen trotz unseres heutigen Maßstabes dabei nicht vergessen, wie viel Anstrengung, Mut und Überzeugung zu all dem geführt hat, was im Jahr 2020 scheinbar normal ist. Jahrzehntelange Bemühungen haben die Basis geschaffen, auf der die heutige Generation die nächsten Schritte der Gleichberechtigung geht.

Um auch in 100 Jahren, im Jahr 2120, zurückblicken zu können und die heutigen Themen der Gleichberechtigung - eine faire Bezahlung, gleiche Chancen in der Politik oder in der Wissenschaft, eine Welt ohne geschlechterspezifische Gewalt –
als gegebene „Normalität“ anzusehen, braucht es Kraft und Ausdauer. Unsere Vorreiterinnen haben gezeigt, dass all das möglich ist.




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