Vor 50 Jahren: Da wurde das „Fräulein“ abgeschafft

Vor 50 Jahren – am 16. Februar 1971 – hieß es in einem offiziellen Erlass, dass die Anredeform „Fräulein“ aus dem Amtsdeutsch gestrichen werden sollte. Ein Sieg der Frauenbewegung. Schließlich machte die Bezeichnung einen Unterschied zwischen einer unverheirateten und einer verheirateten Frau. Außerdem stellte sie eine Verkleinerungsform dar. Allerdings galt die Bezeichnung „Fräulein“ früher als etwas Ehrbares. Viele, auch ältere Fräuleins, legten großen Wert auf diese Anrede.

Heute wird die Anrede „Fräulein“ nur noch im Scherz gebraucht. Es ist selbstverständlich, dass jede Frau als solche angesprochen wird – unabhängig vom Alter und Familienstand.

Ursprünglich waren nur wenige weibliche Personen jemals ein „Fräulein“. In früheren Jahrhunderten waren Fräuleins nur die jungen, unverheirateten Frauen vornehmen Standes. Bis ins 18./19. Jahrhundert war die Anrede „Fräulein“ dem Adel vorbehalten. Erst danach wurde sie auch auf bürgerliche junge Frauen ausgedehnt, später auf alle unverheirateten Frauen. Ein Fräulein war in erster Linie berufstätig und folgerichtig ledig, denn mit der Heirat war Schluss mit dem Berufsleben. Bis in die 1950er-Jahre hatten Ehemänner das Recht, ihren Frauen das Arbeiten zu verbieten, und für Lehrerinnen und weibliche Beamte galt der Zölibat sogar von Staats wegen. Erstaunlich, wie sich die Politik gewandelt hat! Heute haben sich alle Parteien auf die Fahnen geschrieben, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen zu fördern, anstatt sie gesetzlich zu untersagen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts trat der Familienstand des Fräuleins in den Vordergrund: Ob berufstätig oder nicht, ein Fräulein war keine Ehefrau.

Daneben gab es auch den Typus des ledig gebliebenen alten Fräuleins. Manche reife Dame empfand die Bezeichnung sogar als emanzipatorischen Ehrentitel: Ein Fräulein gestaltete sein Leben schließlich selbst und ließ sich von keinem Mann berufliche Erfüllung untersagen! Paradox, dass die Titulierung seit den 1960er-Jahren mehr und mehr als Ausweis patriarchaler Ungleichbehandlung angesehen wurde. Dies rief die Frauenbewegung auf den Plan. Ihre Proteste fanden überraschend schnell Eingang in die bundesdeutsche Gesetzgebung. Bereits im Februar 1971 ordnete der Innenminister an, dass „alle unverheirateten weiblichen Berufstätigen in verantwortungsvoller Stellung” mit Frau anzureden seien. Ein Jahr darauf verschwand das Fräulein dann ganz aus dem behördlichen Sprachgebrauch.

Im Alltag tat man sich mit der Abschaffung des Fräulein aber recht schwer, vor allem in eher ländlich konservativen Gebieten, in Österreich und der Schweiz. Und so hält sich der Titel in einigen Bereichen noch heute: einerseits als durchaus freundlich gemeinte Bezeichnung für Mädchen und junge Frauen, andererseits als Anrede für weibliche Vertreter bestimmter Berufsgruppen, insbesondere Kellnerinnen. „Fräulein, zahlen bitte!”, hört man noch heute durchs Lokal schallen. Als es dem deutschen Fräulein an den Kragen ging, blieb die französische Mademoiselle, die englische Miss oder die spanische Senorita weitgehend unbehelligt, bis heute. Vielleicht wurde unserem Fräulein schlicht die deutsche Grammatik zum Verhängnis: das diskriminierend wirkende sächliche Geschlecht der Verkleinerungsform, die in anderen Sprachen weiblich bleibt.

Quellen: Oertner/DEIKE, WDR, Duden Herkunftswörterbuch 2020




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