Ungebrochen: Weiterleben nach sexualisierter Gewalt

Vier Fragen an Claudia Wuttke, Betroffene und Initiatorin der Community „Ungebrochen“

Soroptimist International Deutschland: Was hat Sie bewogen, Ihre Geschichte öffentlich zu teilen und darüber zu sprechen, was Ihnen passiert ist?

Claudia Wuttke: Bei Einstellung der 65 Verfahren im November 2025* war mir war sofort klar, dass ich mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit gehen will: Und zwar, um auf die Lücken im Sexualstrafrecht hinzuweisen und vor allem auch, um meiner eigenen Würde willen. Einer Frau und Betroffenen zu attestieren, sie sei juristisch betrachtet in keiner „schutzlosen Lage“, obwohl das komplette Bildmaterial eine völlig andere Geschichte erzählt, erschien mir so absurd und nicht hinnehmbar, dass ich dagegen vorgehen musste. Und zwar sehr laut! Denn dies ist ein strukturelles Problem.  

SID: Welche Überlegungen haben Sie dazu bewegt, das Projekt „Ungebrochen“ zu entwickeln und welches Angebot möchten Sie machen? 

Claudia Wuttke: In den ganzen 9 Monaten, in denen ich mich mit den Fakten, meiner Sachlage, den juristischen Realitäten, meinen Emotionen auseinandersetzen musste, hatte ich immer wieder das Bedürfnis, mich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Ich habe das schon mal in einem anderen Kontext erlebt, wie unfassbar wohltuend es sein kann, einfach in eine Gruppe hineinzusprechen und zu wissen, dass irgendjemand immer noch wach ist und du dich überhaupt nicht erklären musst, weil wir alle eine gemeinsame Basis haben und eine gemeinsame Ausgangslage, in dem Falle sexualisierte Gewalt. Dieses Angebot möchte ich machen: Ich entwickle gerade eine digitale Plattform, auf der Frauen einen sicheren Ort finden sollen, um sich auf Augenhöhe auszutauschen und vertrauensvoll aus ihrem Leben zu berichten – für neue Zuversicht, Klarheit und Selbstermächtigung. 

SID: Die Justiz arbeitet auch an Ihrem Fall sehr, sehr langsam. Was bedeutet das für die Situation der Betroffenen? 

Claudia Wuttke: Ja, auch das ist eine bittere Erfahrung. Ich warte jetzt seit fünf Monaten auf den Eingang eines Gutachtens, das nach unserer Beschwerde gegen die Einstellung der 65 Verfahren im März beauftragt worden ist. Was wir in Deutschland vorfinden – und ich weiß, dass auch die Kanzleien, die Staatsanwaltschaften, die Gerichte überlastet und überfordert sind – grenzt für mich an Fahrlässigkeit. Wenn sich Prozesse hinziehen, die Täter über Jahre frei rumlaufen können und am Ende Urteile gefällt werden, die heißen, er kommt auf Bewährung frei, weil ja das Warten auf den Prozess schon so kräftezehrend war - dann packt mich das nackte Entsetzen. 

SID: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was müsste sich ändern, damit die Welt für Frauen eine bessere wird?  

Claudia Wuttke: Wie wäre es denn mit einer Grund-Therapiepflicht von 50 Stunden für alle männlichen Jugendlichen von 16 – 18? Natürlich nicht ganz ernst gemeint, aber ich bin überzeugt, dass wir mit Gesetzesreformen und Empörungsrufen nicht weiterkommen. Eine bessere Welt hat mit Respekt zu tun, mit dem Kennenlernen der eigenen Dämonen und Ängste. Mit dem Begreifen, dass die Partnerin nicht schuld ist an der Wut oder der Aggression, die man im Innern spürt. Und Männer täten gut daran, sich mit ihren Mustern verstärkt auseinanderzusetzen, um ihre Ohnmacht nicht an Frauen auszulassen. – Es gibt ja diesen Satz: Opfer müssten nicht in Therapie gehen, wenn Täter sie vor ihnen bereits gemacht hätten.

SID: Ich glaube, da ist was dran. 

Claudia Wuttke hat die digitale Plattform „Ungebrochen“ für Frauen, die von sexualisierter Gewalt betroffen waren oder sind, entwickelt. Sie richtet sich an alle, die nicht länger allein bleiben möchten und soll den Austausch unter Betroffenen ermöglichen. Hier geht es zur Webseite von Ungebrochen. 

Das Interview führte Stefanie Möller, Koordinatorin für Öffentlichkeitsarbeit & PR. Es wurde erstmals im Magazin Soroptimist Intern Nr. 204 (September 2026) veröffentlicht.  

*Am 19. November 2025 stellte die Oberstaatsanwaltschaft Hamburg 65 von insgesamt 67 Ermittlungsverfahren wegen mutmaßlicher schwerer Vergewaltigung gegen den Ex-Partner der Hamburger Autorin Claudia Wuttke ein. [1, 2] Der Grund: Da die Opfer zum Tatzeitpunkt schliefen, sah die Staatsanwaltschaft den Tatbestand der Ausnutzung einer „schutzlosen Lage“ rechtlich als nicht erfüllt an. [1]Die Folge: Die Taten fielen unter eine einfachere Verjährungsfrist (fünf Jahre statt der sonst üblichen zwanzig Jahre bei schwerer Vergewaltigung) und galten damit als verjährt. Der Fall löste eine bundesweite politische Debatte über Lücken im deutschen Sexualstrafrecht und die Verlängerung von Verjährungsfristen aus. [1, 2]




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